Kurz vor Schluss. Der Norden.

Und dann macht man die Augen auf und denkt, das alles war ein Traum.

Die Letzten Wochen in Israel waren vollgestopft mit tollen Sachen, traurigen Abschieden und witzigen Begegnungen, aber auch voller Alltag, den ich so genossen habe. Zurück von der Farm ging es von Abu Gosh (ein arabisches Dorf, bekannt durch den guten „Hummus  Abu Gosh“ und für seine traditionell guten Beziehungen zu den jüdischen Nachbargemeinden. Es gehört zu den wenigen arabischen Dörfern, deren Einwohner im Palästinakrieg nicht dem Aufruf der arabischen Führer folgten und ihre Dörfer verließen, sondern sich für ein Leben im neugegründeten Staat Israel entschieden.) über Jerusalem zurück in die Wüste. Diese ist gar nicht mehr so recht als das karge sandige Land zu erkennen – sondern auch hier kehrt der Frühling schon im Februar ein. Tatsächlich sind die Weiten der Negev begrünt, die landwirtschaftlichen Flächen gedeihen und die Bäume entfalten sich.

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Vielleicht fällt es nur auf, weil man in einem „fremden“ Land ist und erfahrungsgemäß dort ja wachsamer, aber der israelische Frühling ist tatsächlich eine Wucht und nach, je nachdem, wo man sich aufhält, 1-2 Monaten „Winter“ Medizin für die Seele. Ausgestiegen aus dem Egged Bus strahlt einen die Sonne an. Eigentlich waren das schon diese sommerlichen Sonnenstrahlen, die für einen Moment einfach eine Zufriedenheit sich ausbreiten lassen.

Beer Sheva ist im Februar leer. Also eigentlich nicht leer, nur die Straßen sind leer, denn die Studenten lernen wir verrückt. Natürlich kommt es ein bisschen drauf an, was studiert wird, aber so circa 3 Wochen sind die Leute einfach 15 Std. am Tag beschäftigt und nur in ihren Lerngruppen zu finden. Wenn auch nur in dieser Zeit, aber da sind sie diszipliniert.

Was ich unbedingt vor meiner Abreise nochmal erleben wollte, war so ein richtiger Kibbutz. Ganz im Norden, 2 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt, liegt der Kibbutz Sasa. Der Kibbutz wurde 1949 gegründet. Ein arabisches Dorf, welches dort vorher situiert war, wurde im Unabhängigkeitskrieg zerstört. Die Bewohner flüchteten in den Libanon.

Der Kibbutz ist einer von den wenigen „richtigen“ Kibbutzen. 400 Leuten wohnen dort, es kommen wenige neue Leute zur Gemeinschaft, meist wohnen die Familien dort von Anfang an. Der Kibbutz umfasst ansonsten einen Kindergarten, eine Grundschule, eine Highschool, einen „Zoo“ und ein Rüstungsunternehmen. Das Unternehmen wurde 1985 gegründet und ist auf die Produktion von gepanzerten Fahrzeugen, Panzerungen für Militärfahrzeuge, Luftfahrzeuge, Schiffe sowie zivile Sonderschutzfahrzeuge spezialisiert. Hauptabnehmer für die gepanzerten Fahrzeuge sind das US-Militär, die israelischen Streitkräfte sowie die israelische Polizei. Die meisten Bewohner arbeiten auch im Kibbutz oder im benachbarten.

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Als Kibbuz bezeichnet man ursprünglich eine ländliche Kollektivsiedlung in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Die Kibbuzim spielten eine entscheidende Rolle bei der jüdischen Besiedlung Israels. Ein Vorteil der Kibbuzim bestand vor allem in der Anfangszeit darin, dass leichter Siedlungen in bisher kaum erschlossenen Gegenden gegründet werden konnten. Das Land, auf dem die Kibbuzim gegründet wurden, befand sich im Regelfall im Besitz des Jüdischen Nationalfonds.

Im Kibbutz Sasa gehören alle Häuser dem Kibbutz. Es wird im Kollektiv entschieden, wer sie beziehen darf und wer nicht. Das Gehalt aller wird gleichmäßig untereinander aufgeteilt. Es gibt ein Community Center, wo es für die Gemeinschaft Frühstück und Mittag gibt und am Shabbat Abendessen. Der Kibbutz ist durch die Fabrik sehr wohlhabend. Nur deshalb kann es auch noch so gut funktionieren. Andere Kibbutzim mussten Wohnungen vermieten an außenstehende oder haben Pesionen aufgebaut, wodurch das Konzept des Kibbutz so nicht mehr ausgelebt werden kann. Natürllich wird es immer schwerer, es so aufrechtzuerhalten. Junge Leute aus Sasa haben uns zum Beispiel berichtet, dass es eine große Diskussion gab, als Leute eigene Autos von ihrer Arbeit aus bekamen. Bisher gab es ein Pool an Autos, welche man ausleihen konnte, wenn sie gebraucht wurden. So geht der Kibbutz Gedanke nach und nach verloren – trotzdem war zu beobachten, dass die Menschen dort sehr verbunden sind mit der Gemeinschaft und auch meist nach der Ausbildung zurückkehren.

Ein paar Tage später zog es mich, zwei Französinnen, eine Amerikanerin und einen anderen Deutschen dann nochmal für 3 Tage in den Norden. Mit dem Auto ging es um 7 Uhr früh los. Am See Genezareth kamen wir gegen 14 Uhr an.

Die israelischen Straßen sind kein Zuckerschlecken. Als erstes liegt die Geschwindigkeitsbegrenzung bei 100 km/h und außerdem ist der Sinn für das Miteinander bei den israelischen Autofahrern nicht sehr ausgeprägt. Die Hupe ist ihr bester Freund. Das macht das Ganze etwas anstrengend. Stellt man sich allerdings darauf ein und adaptiert den Fahrstil, bringt es Spaß!

Unser erster Halt war bei Megiddo, was ungefähr mittig kurz über dem Gebiet der Westbank liegt.Es wird als wichtigste archäologische Stätte der biblischen Periode in Israel und als eine der bedeutendsten Forschungsstätten des Nahen Ostens angesehen. Die militärische Bedeutung des Ortes und seine Rolle als militärisches Schlachtfeld spiegeln sich in der Apokalypse des Johannes im Neuen Testament. Armageddon, abgeleitet von „Har Megiddo“ (der Berg von Megiddo), erscheint dort als der Ort der biblischen Endschlacht zwischen Gut und Böse (Off. 16,16).

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Weiter ging es nach Gamla, einen der vielen Nationalparks, meiner Meinung nach der schönste von allen, die ich bisher gesehen habe! Gamla war von 87 v. Chr. bis zu ihrer Zerstörung im Jahre 67 n. Chr. eine bedeutende jüdische Stadt im Golan. Ähnlich wie Mezada entschied sich die Stadt für den Widerstand gegen die Römer. Nach längerer Belagerung fiel sie im Winter 67 n. Chr. in deren Hände. Heute kann man dort auch viele Geier beobachten.

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Dabei umrundeten wir den halben See Genezareth (im engl. Übrigens Sea of Galilee, im hebr. Kinneret). Der See hat was Beruhigendes, finde ich. Diese größtenteils kleinen Orte drum herum und die Berge, die sich am Ufer auftun – mit dem Auto einfach einmal eine Runde zu drehen lohnt sich auf jeden Fall.

Zum Sonnenuntergang kamen wir in Tsfat, ein bisschen weiter nördlich auf einem der höchsten Berge gelegen, an. Der Ausblick ist der Wahnsinn, obwohl man sagen muss, dass sich das irgendwann relativiert, denn diesen Ausblick hat man auf fast jeder Erhöhung. Tsfat ist eine besondere Stadt. Bedeutung erlangte sie als ein wichtiger Ort jüdischer Gelehrsamkeit(weswegen dort heute auch viele orthodoxe Juden leben) und war lange Zeit ein geistiges Zentrum der Kabbala. Die Kabbala ist eine mystische Tradition des Judentums.

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Synagoge in der Altstadt Tsfats

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Zum Schlafen fuhren wir zu unseren Couchsurfern nach Katsrin. Von dieser Stadt hatte ich mir mehr versprochen, aber wirklich was Besonderes gab es hier nicht. Eine Herausforderung bot uns an diesem Abend die Verständigung. Unsere Couchsurfer, ein Paar aus Russland, waren selbst erst ein Jahr in Israel und konnten nicht wirklich Englisch. Also lief die Unterhaltung auf Hebräisch. Dadurch, dass ihr Hebräisch auch noch nicht das Beste war, gelang das aber wiedererwartend recht gut. Hier hatten wir nun endlich unsere Gelegenheit, das Gelernte auf den Prüfstand zu stellen.

Die beiden, so Mitte 30, waren russische Juden und kamen aber hauptsächlich, um israelische Staatsbürger zu werden und dann mehr Reisemöglichkeiten zu haben. Juden werden automatisch Israelis und können zwei Pässe haben. Nach der Aaliah(Rückkehr von Juden als Einzelnen oder Gruppen in das Gelobte Land) leben sie nun in Israel, können auch wählen und arbeiten in einer Fabrik in Katsrin, wo hauptsächlich Russen leben. Im Gegensatz zu den meisten Juden, die Bürger Israels werden, wollen die beiden aber in den nächsten Jahren Europa bereisen und nicht dort bleiben.

Am nächsten Morgen machten wir uns nach einem russischen Frühstück mit Borschtsch auf gen Norden. Wir fuhren zum „Mount Bental“ und von dort nach Tel Dan. Ein weiteres Naturreservat. Das Reservat umfasst den etwa 20 Meter hohen Siedlungshügel (Tel) eine bis in die römische Zeit bewohnten Stadt, sowie die Quellen des Dan-Flusses. Der Dan Fluss ist neben Hazbani und Banyas einer der drei Quellflüsse des Jordan. Bis 1967 war die Dan-Quelle die einzige Jordanquelle auf israelischem Gebiet. Seit der international nicht anerkannten Annexion der Golanhöhen wird auch die Banyas-Quelle von Israel kontrolliert.

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Überreste der alten Stadt

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der Dan-Fluss

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Caroline (Amerika) und Oriane (Frankreich)

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der Winnie Pooh-Baum…

Die Fahrt gen Norden endete in Metula, dem nördlichsten Ort Israels. Von dem Berg aus konnte man die Hezbollah Fahnen sehen, eine Mauer trennt Israel vom Libanon. Im Gegensatz zur syrischen Grenze kam es mir hier eher unwirklich vor: Zwei Orte, die nebeneinander liegen und getrennt sind durch eine militärische Pufferzone und ein paar Betonwände und die trotzdem so wenig miteinander zu tun haben und so unterschiedlich sind, dass sie gefühlt auf zwei verschiedenen Kontinenten sein könnten.

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die Mauer trennt Israel vom Libanon

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welcome to the military security zone….die sicherheitszone zwischen den Ländern

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Auf unserem Rückweg machten wir noch Halt an der Burg Nimrod. Eine richtig schöne Burgruine, mit einer weiteren Aussicht, die einem Postkartenmotiv Konkurrenz machen könnte.

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von links nach rechts: Caroline, ich, Kurt, Oriane, Mégane

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Auch die zweite Nacht verbringen wir bei russischen Juden, diesmal in Kiryat Tiv’on bei Haifa. Die Familie ist in den 70er Jahren aus der Sowjetunion sozusagen geflüchtet, da Juden dort offensichtlich benachteiligt wurden und indirekt aufgefordert wurden, das Land zu verlassen. Der Mann der Familie, leidenschaftlicher Historiker, führte uns am nächsten Morgen noch zur nahegelegenen Ausgrabungsstätte Bet She’arim. Dort wurden eine Synagoge, öffentliche Gebäude, eine Religionsschule, Wohnhäuser, Stadtmauern, ein Stadttor und Olivenbäume gefunden – alles datiert auf das 2. bis 4. Jahrhundert n.Chr. Zusätzlich kamen noch 30 Gräberhöhlen zum Vorschein, die herrlichsten Israels.

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Nach zwei Tagen im schönsten Sonnenschein und durchgängig 20°C regnete es – wahrscheinlich weil wir dem schönen Norden den Rücken zuwandten. Auf dem Rückweg hielten wir als 1. am Laden mit dem besten Baklawa – Laden der Welt (eine türkisch oder arabische Süßigkeit). Meiner Meinung nach hat es sich mehr als gelohnt extra in eine drusisches Dorf names Yarka zu fahren und sich bis zu „Yarka Sweets“ durchzufragen. Anschließend ging es zu meiner „israelischen Familie“ ins Nachbardorf Julis, wo ich mich bei einem guten arabischen Kaffee verabschiedete. Der letzte Halt war DIE Farm. Ich musste die anderen an meiner Begeisterung teilhaben lassen. Und tatsächlich flogen Sätze umher wie: „I wanna stay here“, „this is paradise“ und „whenever my dad is gonna visit me in Israel, he will never go back to the States after coming here.”

Der Norden bietet einfach die schönsten Bilder und die verschiedensten Grüntöne. Gleichzeitig schwingt aber auch immer so eine Stimme im Ohr mit, die daran erinnert, dass der Golan im 6-Tage-Krieg erobert und ein paar Jahre später annektiert wurde. Die Israelis sind stolz darauf, was daran zu sehen ist, dass man überall Bunker, Schilder, die an Schlachten oder ehemalige Grenzen erinnern oder sogenannte „firing zones“ sehen kann, wo Panzer-Übungsplätze sind und Schilder auf Mienenfelder hinweisen.

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Panzerübungsplätze am Straßenrand

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Aber so ist es eigentlich überall in Israel – die allerschönsten Bilder, und erst nach und nach erkennt man die Kaffeeflecken, die sich nur schwer ignorieren lassen.

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Von Ziegen und Käse und frischer Milch.

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gvinot ‚izim – Ziegenkäse

Israel ist klein. Vielleicht so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Ein Drittel dieser Fläche ist Wüste und sowieso spielt sich alles im Zentrum von Tel Aviv bis Jerusalem ab. So sagt man. Und trotzdem findet man zwischendrin den einsamsten und schönsten Ort und denkt, man ist im Nirgendwo. Ein Platz, den eigentlich niemand finden kann, der völlig unbeeindruckt von Alarms und Raketen ganz „normal“ und gleichzeitig so besonders ist.

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Ausblick von meinem Haus bei Sonnenschein

Schon bevor ich nach Israel gekommen bin hatte ich die Idee, auf einer Farm zu arbeiten, wenn das Semester vorbei ist. Ich weiß gar nicht genau, wieso, aber als „Stadtkind“ hat man da so ein Bild im Kopf, eine Vorstellung von Ruhe und einer Welt, die im Einklang ist.

Freiwillige Farmarbeit, bei der man einen Schlafplatz und Essen bekommt und dann dafür „umsonst“ sozusagen arbeitet, nennt man WWOOFEN. Es gibt da Plattformen im Internet für die einzelnen Länder. In Israel gibt es ziemlich viele Farms, viele betreiben ökologische Landwirtschaft, es gibt ein paar Käsefarms. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, zu lernen, wie man Käse macht und also auf einer Käsefarm zu arbeiten.

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mein eigenes kleines Haus

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Mit vielen Tipps von Freunden bin ich dann am Ende also auf einer ganz kleinen Farm, die einer Familie gehört, gelandet. Die Familie lebt dort seit 40 Jahren, die Kinder sind dort aufgewachsen, und arbeiten jetzt teilweise auf der Farm. Sie haben sich ausschließlich auf die Produktion von Ziegenkäse spezialisiert und verkaufen den Käse auch nur direkt am Wochenende von der Farm aus.

Falls jemand mal tatsächlich wirklich guten Käse in einer netten Atmosphäre in Israel genießen möchte: von Jerusalem kommend kurz vor Zova liegt der kleine Ort Sataf, dem folgend geht irgendwann eine Straße auf einem Berg(Har Eitan) lang. Man folgt dem Ziegenschild. Am Ende liegen am Berg drei kleine Häuser und wahrscheinlich steht ein Pferd, Gili, auf der Straße. Dann ist man da.

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die Farm am „Har Eitan“

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Tatsächlich habe ich 10 Tage dort verbracht und von 7 Uhr bis 6 Uhr abends gearbeitet, mit großen Pausen zwischendurch. Als erstes musste der Käse, der schon mehrere Wochen lagerte jeden Morgen umgedreht werden, aber nur der Weichkäse. Dann erwachte das Pferd immer so langsam. Falls nicht, hat Shuna, einer der Hirtehunde, dafür gesorgt, in dem sie dem Pferd förmlich ins Ohr bellte, bis es sich aufrappelte. Seit 5 Uhr wurden unterdessen die 150 Mutterziegen gemolken, gegen 8 waren dann 200 bis 500 Liter frische Milch das Ergebnis. Dann wurde erst mal gefrühstückt. Jeden Tag wurde anderer Käse hergestellt.

Die Milch wird pasteurisiert, also erhitzt, um Bakterien abzutöten. Für verschiedene Käsearten werden in die Milch verschiedene Bakterienkulturen dann in die Milch hineingetan. Aus der Milch wird eine joghurt-artige Masse. Ist sie bis zu einem gewissen Punkt abgekühlt, wird der Käse, jeweils nach Käseart in verschiedener Konsistenz vorzufinden, in Formen abgefüllt. Am nächsten Tag ist der Käse bereits recht stabil und kann aus den Formen herausgeholt und auf Tabletts gelegt werden. Nun wird gewartet – 10 Tage, 3 Monate, 5 Jahre…

(Diese Erklärung ist hier natürlich sehr vereinfacht und aus meinen Beobachtungen entnommen…)

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links frischer Weichkäse

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Lagerung des Hartkäses in einer Felshöhle

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Der Raum, wo aller Käse hergestellt wird     

Heraus kommen verschiedene Hart-und Weichkäsen. Übrigens hängt die Käseproduktion auch davon ab, wo die Ziegen grasen – für jede Jahreszeit sind dafür andere Plätze mit anderer Vegetation vorgesehen.

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Gegen 10 Uhr gehen die Ziegen mit den Hirtehunden und dem Hirten grasen. 4 Stunden später kommen sie zurück. Dabei ist es manchmal gar nicht so leicht, alle beisammen zuhalten: Die kleinen Ziegenkitze rennen gern umher und erkunden alles und Mandelbäume abzufressen gibt mehr her, als ein Ziegenstall. Dann werden die Ziegen zum zweiten Mal gemolken und langsam wird es dunkel. So geht ein Tag auf der Ziegenfarm vorbei und schon ein paar Stunden später wieder von vorn los.

An sonnigen Tagen kann man sich nichts Schöneres vorstellen. Grad blühen auch die Mandelbäume, es wird Frühling. Nur wenn es regnet  und kalt ist, ist es kein Spaß – aber die Produktion geht natürlich weiter.

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Mandelblütenbäume

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Ich habe die Zeit dort wirklich genossen, konnte viele Sachen ein bisschen sacken lassen und erst wirklich realisieren und aus der Ferne nochmal betrachten. Wenn es am Tag das Größte ist, den Käse zu waschen und ihn danach goldgelb wieder ins Regal zu stellen oder auch zu sehen, wie die „Ladies“, wie der Weichkäse liebevoll genannt wurde, so weich und flüssig waren, dass sie fast zerfallen sind, dann ist das pure Entspannung und Freude, die man so richtig genießen kann.  Vielleicht ist das schwer zu beschreiben, aber so ein Alltag ohne großartige Einflüsse, außer die der Natur – das holt einen irgendwie runter oder raus aus den Gedanken, die man sich über den Rückflug;  Dinge, die man noch besorgen will; Schicksale von Menschen, die man getroffen hat oder Sachen, die man unbedingt noch sehen will, macht.

Und trotz dieser ganz besonderen Situation und der Arbeit, die riesig viel Spaß gemacht hat und wo ich viel gelernt habe, war es mir an dem Punkt meiner Reise einfach zu einsam – denn völlig weg von allem zu sein und abends und nachts auf sich gestellt, war irgendwie ein blödes Gefühl und mir ist bewusst geworden, dass ich doch die restliche Zeit in Israel mit Menschen verbringen will, die ich danach erst mal nicht mehr sehe.

Auf jeden Fall war das nochmal eine ganz neue Erfahrung und hat mir nochmal mehr vor Augen geführt, wie dieses Land so differenziert ist – in allen Bereichen.

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Wahlen. Mehr als wählen.

Morgen wird in Israel gewählt.

Wahlen in Israel sind irgendwie mehr als Wahlen. Man wählt nicht nur, man positioniert sich und entscheidet über so viel. Über so viel mehr Leute als das israelische Volk.

Netanjahu, der aktuelle Ministerpräsident, regiert seit 2009, nachdem Zipi Livni, damals Vorsitzende der Kadima Partei als stärkste Kraft keine Koalition bilden konnte. Vor einigen Monaten kündigte Netanjahu nun vorgezogene Neuwahlen an, nachdem er wegen innenpolitischer Streitigkeiten nicht  mit einer Mehrheit für das nächste Haushaltsbudget rechnen konnte.

Seit dem geht es rauf und runter, wir haben den „Pillar of Defense“ hinter uns (übrigens zieht sich das durch Israels Geschichte: vor den Wahlen wird oft ein Krieg oder eine Operation durchgeführt…Ende 2008 beispielsweise der Gazakrieg…)

Die Ha’aretz veröffentlichte folgende Umfrageergebnisse vom 18.01.:

32 Sitze – likud beiteinu

Die Parteien von Regierungschef „Bibi“ Netanjahu und Vize Liberman haben sich zur Wahl zusammengeschlossen. Liberman wurde grad wegen Korruption verurteilt, wird aber nach der Wahl wiederkommen.

17 Sitze – the labour

14 Sitze – the jewish home

Eine sehr rechte Partei, welche sehr neu ist und vor allem als „Siedlungspartei“ bekannt ist, beispielsweise wollen sie, dass Israel die Area C annektiert. Ganz neu ist auch eine junge, hübsche Frau, die sie aufstellen und mit der sie werben, da sie nicht religiös ist. Die Partei bekommt mittlerweile mehr Zuspruch als gedacht.

12 Sitze – shas

Die Partei der Ultra-Orthodoxen. Sie vertritt in erster Linie die Interessen der religiösen sephardischen Juden.

12 Sitze – yesh atid(yair lapid)

8 Sitze –  the movement

Die neue Partei von Tzipi Livni, welche aus der Kadmima-Partei ausgertreten ist und 9 weitere Leute von dort mitgenommen hat.

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5 Sitze – yahaduth ha-tura(hassidick orthodoks party) – non zionists

6 Sitze – meretz

Meretz setzt sich vor allem für Menschenrechte ein –

5 Sitze –  hadash

Israels kommunistische Partei. Sie setzt sich für den palästinensichen Staat in den Grenzen von vor 1967 ein und die Räumung aller jüdischen Siedlungen im Westjordanland.

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4 Sitze – balad

Balad ist eine der arabischen Parteien. Sie setzt sich dafür ein, dass Israel sich nicht als „jüdischen Staat“ definiert, sondern als „Staat aller Staatsbürger“.

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3 Sitze – united arab list

Diese setzen sich für einenpalästinensischen  Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt, für die Räumung der jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten sowie für die Gleichberechtigung zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

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Die arabische Liga hat gestern alle Arabischen Israelis dazu aufgefordert, wählen zu gehen. Denn allgemein gehen wenige der Araber in Israel wählen.

2 Sitze – kadima

2009 war Kadima die stärkste Partei. Nachdem Livni diese aber verlassen hat, sind sie sich in sich nicht mehr einig. Außerdem habe ich gehört, dass Livni eine wirklich gute Kampagne aufgezogen hat, jetzt kann die Partei sich nicht mehr gut präsentieren.

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Allgemein habe ich glaube ich schonmal erwähnt, dass die Parteien, wenn sie in Israel in recht und links eingeteilt werden, eher daran gemessen werden, wie sie sich im Konflikt mit den Palästinensern positionieren. Soziale Angelegenheiten spielen eine sehr kleine Rolle, es geht vor allem um Sicherheit und Verteidigung. Allerdings kann man seit den Aufständen, die seit 2011 stattfinden, hier eine Wende erleben: Viele Menschen sind auf die Straßen gegangen, vor allem 2011, aber auch 2012 gab es Demonstrationen. Mehr soziale Gerechtigkeit, insbesondere eine Entspannung am Wohnungsmarkt, wurden gefordert. Seit dem kann man 1. beobachten, dass sich die Parteien wieder mehr mit solchen Themen auseinandersetzen und 2. dass seitdem viele, vor allem junge Leute, Parteien beigetreten sind und aktiv Politik mitgestalten.

In Israel kann man außerdem jeden fragen, was er wählt und sofort wird er dir eine Antwort geben und auch eine Begründung. Sogut wie jeder setzt sich mit der Politik auseinander und ist diskutierfreudig, so erlebe ich es hier.

Man kann die Wahlen aber auch einfach nicht ignorieren – Plakate, Sticker, Banner, flyer, Werbespots im Fernsehen, Kundgebungen, T-Shirts, junge Leute auf der Straße, in der Uni – überall bist du konfrontiert.

An die Ben Gurion Universität kamen sogar drei Vertreter und haben Vorträge gehalten – es gab einen Basar für 2 Tage, wo sich mehrere Parteien vorgestellt haben. Die Studenten in Beer Sheva wählen vor allem Meretz, eine Partei, die vor allem junge Menschen anzieht.

Morgen ist die Wahl. Ein freier Tag für alle. Ich vermute, dass die Wahlen nicht am Wochenende stattfinden, weil dann Shabbat ist und die religiösen Juden dann nicht arbeiten dürfen – also auch nicht wählen. Aus Beer Sheva fahren an diesem Tag die meisten nach Hause und stecken den Zettel mit dem Buchstaben in den Briefumschlag, dessen Partei sie wählen wollen.

Eine Überraschung wird es wahrscheinlich nicht geben. Und trotzdem sind alle sehr mit den Wahlen beschäftigt und spekulieren, denn schließlich geht es um viel.

http://www.haaretz.com/news/israeli-elections-2013

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Westbank Teil II – Berg- und Talfahrt.

Ende Dezember fuhr ich ein zweites Mal in das Westjordanland. Weil wir mir dem Auto sehr flexibel waren und man so viel mehr sieht, haben wir auch dieses Mal wieder eins gemietet.Das Hindernis hieß diesmal israelische Taxifahrer, die einfach 1.einem mehr Geld abknüpfen, als den locals, auch wenn man mit ihnen hebräisch redet und 2. dabei noch super unfreundlich sind! Naja, wir mussten schnellstmöglich zu der Autovermietungsfirma, bevor Shabbat beginnt, also hatten wir keine Wahl!

Unser erster Halt war Jericho. Jericho ist eine besondere Stadt, denn es ist die tiefstgelegene Stadt der Welt mit 250m unter dem Meeresspiegel und nennt sich selbst auch die älteste Stadt der Welt, was aber nicht so ganz stimmt…Die Stadt befindet sich auch in Area A, also unter palästinensicher Kontrolle. Hier war es nochmal richtig warm und so machten wir uns auf zum St. Georgskloster, was zu Fuß etwa 1 Std. weit weg gelegen war. Es war tatsächlich sehr heiß, Jericho ist auch umgeben von Bergen und ist eher wüstenartig. Als wir ankamen, waren wir erst gar nicht sicher, ob wir richtig waren, denn das Kloster sah kleiner aus, als es auf meinem Bild im Reiseführer erschien und die Kuppeln hatten auf einmal eine andere Farbe. Doch wir waren richtig: Auf einmal ragte da aus dem Felsen ein Gebäude.

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St. Georgskloster

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Jericho ist auch nicht so touristisch und verhältnismäßig wenig Menschen waren in der Gegend unterwegs. Seit der letzten Intifada haben viele Orte damit zu kämpfen, dass die Besucherzahlen start zurückgegangen sind.  Die Stadt gilt als Bananen und Orangenstadt. Für die Bananen kann ich das mehr als bestätigen, man sollte die Gelegenheit nicht auslassen und sich einen Bund kaufen!

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Mégane aus Frankreich und ich.

Am Kloster angekommen, kam nun noch hinzu, dass viele Bauarbeiten durchgeführt wurden. Die Mönche kümmerten sich um den Neuanstrich der Bänke und so erschien alles irgendwie viel profaner, als ich es erwartet hatte. Aber natürluch, letztendlich kann man nur enttäuscht werden, wenn man zu große Erwartungen hat, und die versprach mit mein Reiseführer zuvor.

Das Kloster habe ich als einen sehr ruhigen Ort erlebt, mit tollem Ausblick und einfach einer netten Atmosphäre. Sichr hängt das von der Besucherzahl ab. Hier können übrigens auch Israelis herkommen, da es in einer anderen Zone gelegen ist. Als jemand, der religiös ist, hat man sicherlich auch andere Erlebnisse hier. Eine Freundin, die christlich ist und mit war, war sehr begeistert…letztendlich war es von Jericho ein schöner Ausflug.

Zurück in der Stadt machten wir uns auf in die „Old City“, was eher eine Ausgrabungsstätte ist und im Reiseführer auch als „eher für Archäologie-Liebhaber“ beschrieben wird. Das stimmt tatsächlich, denn man sieht nichts als Hügel und Steine und Beschreibungen aus den frühesten Jahrhunderten.

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Was mich persönlich beeindruckt hat, war der Hishampalast. Landsitz des umayyadischen Kalifen Hisham (724-743 v.Chr.) und ist ein komplexes Gebäude aus Moscheen, Bädern, Säulen und Plätzen. Hier kann man gut eine Stunde rumlaufen und sich tatsächlich vorstellen, wie dieser Palast einmal ausgesehen hat.

Als es langsam dunkel wird, machen wir uns auf nach Beit Sahour, was circa 5 Minuten von Bethlehem entfernt liegt. Dort wollen wir wieder bei Couchsurfern übernachten. Durch die meterhohe Mauer ist es leider schwer, einen Weg zu finden und wir fahren am Ende zurück nach Jerusalem und von dort nach Bethlehem. An der Mauer entlangfahrend sieht man viele Zeichnungen, Solgans wie „Make Humus, not War“ und ganze Geschichten. Dabei fällt aber auf, dass die meisten Sachen von ausländischen Künstlern gemalt sind.

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Angekommen in Bethlehem fängt mich prompt das Weihnachtsgefühl ein – Lichterketten und „Merry Christmas“ Schriftzüge gibt es hier zu Genüge. Selbst Bethlehem hat mit den Nachwehen der Intifada zu kämpfen und lange nicht mehr so viele Touristen in der Stadt, wie früher einmal. In Bethlehem leben Muslime sowie Christen, die Bürgermeisterin ist arabische Christin. Die Stadt unterliegt palästinensicher Kontrolle, hat heute aber mit den jüdischen Siedlungen zu kämpfen, die immer näher an die Stadt heranrücken.

Wir fahren weiter nach Beit Sahour, eine Stadt die schon fast zu Bethlehem gehört mittlerweile. Dort leben 80% Christen und 20% Muslime. Unsere Couchsufer wohnen in der Altstadt in einem riesigen Apartment mit metehohen Wänden und wundervollem Ausblick auf die Stadt. Die beiden sind Italiener und arbeiten in einem nahegelegenen Flüchtlingscamp in einer Art Kunstprojekt.

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Sie erzählen uns, dass das Leben und vor allem arbeiten hier schwer ist, denn das „life is frozen“. Man hat wenige Möglichkeiten, Projekte frei zu gestalten, da es an Material etc. fehlt, die Leute sind frustriert und viele gehen ins Ausland, wenn sie die Möglichkeiten haben, außerdem berichten sie von der „Checkpoint Phobia“. Die Leute haben Angst, Checkpoints zu passieren und viele bleiben so einfach in ihrem Gebiet, was Treffen und anderes schwierig macht. Auch passiert es oft, dass Meetings zeitlich nicht eigehalten werden können, weil die Kontrolle am Checkpoint schon manchmal länger dauern kann. Palästinensischer Alltag.

Eine andere Sache, über die ich vorher so noch nie nachgedacht habe, ist folgendes Phänomen, von dem sie erzählen: Es gibt unglaublich viele arme Menschen in der Westbank und viele Leute finden keine Arbeit oder haben keine Ausbildung, jedoch gibt es eigentlich keine Obdachlosigkeit oder Menschen, die auf der Straße leben. Die Leute haben hier große Familien und man kümmert sich umeinander und es gibt immer jemanden, zu dem man gehen kann. Weiterhin, und das kann ich bestätigen, ist Gastfreundlichkeit eines der obersten Gebote und gehört mit zur Kultur und so würde niemand auf der Straße verweilen. Die Menschen kümmern sich umeinander und halten zusammen, aber auch uns gegenüber waren fast alle unglaublich nett und aufgeschlossen, man fühlt sich willkommen.

Am nächsten Tag, schon unserem letzten, beschlossen ich und Mégane, eine französische Freundin, sehr früh zur Geburtskirche zu laufen, denn ansonsten ist diese immer unglaublich gut besucht und es bahnen sich lange Warteschlangen um die Kirche herum. Tatsächlich war es überraschend leer gegen 8 – und wir aber auch gut fertig, denn die Kirche liegt auf dem obersten Berg. Die Geburtskirche, welche über der, den Erzählungen nach, Geburtsstätte Jesus errichtet wurde, ist recht groß und schlicht, aber wirklich schön meiner Meinung nach. Grad als wir kamen, fand in dem Raum, wo auch der Geburtsplatz Jesus vermutet wird, eine Zeremonie statt. Da wir diese vom Ausgang aus beobachteten, hatten wir danach natürlich sehr viele Leute vor uns, nachdem wir zurück zum Eingang in das Kellergewölbe liefen. Wir entschieden, nicht zu warten.

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Mit den 3 anderen Mitreisenden machten wir uns später zum Shepard Field auf. Dafür ist Beit Sahour unter anderem bekannt, denn hier befand sich der Überlieferung nach das Gebiet der Hirten, denen die Geburt Jesu Christi zuerst verkündet wurde. Dies ist zwar historisch nicht belegt, die Nähe zu Betlehem und die heute noch ideale Weidelandschaft mit Höhlen lassen diese Lokalisierung aber logisch erscheinen. Ausblick auf ein Settlement inklusive.

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Kurt und die Siedlung.

 

Leider viel zu spät machten wir uns auf nach Hebron in den Süden der Westbank.

Hebron stellt einen besonderen Ort in der Westbank dar. Hebron ist eine der ältesten besiedelten Orte der Welt und gilt nach der biblischen Überlieferung als der Ort, an dem Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob und Lea begraben sind. Diese Höhle gilt für den Islam und das Judentum als heilig, so dass Hebron für beide Religionen sehr bedeutend ist. Im Zuge des Sechstagekrieges wurde die Stadt wieder von Juden besiedelt, nachdem im Zuge eines Pogroms 1929 die gesamte jüdische Bevölkerung vertrieben worden war. Wegen der isolierten Lage zogen nur wenige Juden in die z. Z. ca. 800 Personen (zuzügl. ca. 250 Yeshiva-Studenten) umfassende Altstadtsiedlung, die von der  israelischen Armee gesichert wird. Im Hebron-Abkommen von 1998 einigten sich Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde auf eine verwaltungstechnische Teilung der Stadt in die Zone H1 (palästinensisch kontrolliert) und die Zone H2 (israelisch kontrolliert). Es leben ca. 800 Siedler in der Zone H2 von Hebron,diese gelten als militante, nationalreligiöse Hardliner. Für das israelische Zentralbüro für Statistik gehören diese Personen zur Bevölkerung von Kiryat Arba, einer israelischen Siedlung, die im Osten an Hebron grenzt. Anders als in anderen Städten des Westjordanlandes leben die israelischen Siedler auch im Stadtzentrum. Es kommt immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern der Stadt. In der Zone H2 ist die Bewegungsfreiheit der ca. 30.000 Palästinenser stark eingeschränkt, während die israelischen Siedler völlige Bewegungsfreiheit genießen und durch die IDF geschützt werden. Palästinensern ist es untersagt, die Al-Shuhada-Straße, die Haupt-Durchgangsstraße von Hebron, zu benutzen. Für die Renovierung dieser Straße haben die Vereinigten Staaten Millionen Dollar an Geldern zur Verfügung gestellt. Aufgrund dieser Einschränkung wurden seit 1994 fast die Hälfte aller Geschäfte in H2 geschlossen trotz Anstrengungen der UN, Ladenbesitzern monatlich Geld zu zahlen, damit der Betrieb weitergeht.

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eine Straße in Hebron, wo Palästinenser keine Geschäfte mehr öffnen dürfen – ghost city

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Teilung der Straße – rechts hinten sieht man durch eine kleine Betonabtrennung die schmale Straße, auf der sich ausschließlich Palästinenser bewegen dürfen

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checkpoint in Hebron

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Am Samstag, als wir in Hebron ankommen, ist es kalt und nass und die Palästinenser in der Altstadt scheinen sehr angespannt. Bald sehen wir, wieso: Eine Gruppe von circa 50 jüdischen Siedlern hat entschieden, durch die Altstadt zu schlendern, es ist schließlich Shabbat. Bewacht von unzähligen Soldaten, die aus der Schule direkt in die Armeekluft gesteckt wurden und nach Hebron geschickt, laufen sie durch die Straßen – auch Kinder sind dabei. Als wir ankommen, stehen die Siedler zusammengefercht in einer Straße, die Sicherheitslage wird von den Soldaten gecheckt, dann kann es weitergehen. In der Altstadt selbst zieht sich eine Art Zaun über die Köpfe der Menschen, in dem verschiedenste Sachen festhängen – dieser wurde zum Schutz der Siedler installiert.

Obwohl ich das ganze von außen betrachte, habe ich mich lange nicht so hilflos und unwohl gefühlt. Eine entwürdigende Situation für Palästinenser, die daneben stehen und sich schadenfrohe Gesichter ihrer jüdischen Nachbarn anschauen müssen.

An einem Platz wohnen zu wollen, der für deine Religion als äußerst heilig gilt, ist die eine Sache – aber diese politische Situation und die Überlegenheit bewusst so auszunutzen – das hat wohl nichts mit dem jüdischen Glauben zu tun! Ich habe mich später gefragt, wie man an diesem Ort leben kann, als Palästinenser, der so von Feindschafft und Hass erfüllt ist, aber die Frage kann umgekehrt wahrscheinlich auch sein, wie man dort nicht leben kann, wenn man dort aufgewachsen ist – kann man das alles hinter sich lassen?

Und zwischen Israelis und Palästinenser stehen die jungen Soldaten, die keine Wahl haben. Unser Tour Guide von Breaking the Silence, der uns durch das Gebiet geführt hat, nur eine Woche vorher, hat dort auch mal gestanden. Und er erzählt, dass man keine Wahl hat: Man wird in diese Situation praktisch hingestellt und muss Befehle ausführen, sich regelgerecht verhalten und „das Richtige“ tun. Nun ist die Frage, was ist das Richtige und wie verhält man sich beispielsweise einem palästinensichen Kind gegenüber, welches die Straße überqueren möchte und das aber nicht darf. Wenn er nicht zurückweicht, dann muss man alles tun, damit er zurückgeht in sein Haus und den Hinterausgang benutzt. Solche Situationen schildert der ehemalige Soldat.

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Eine absurde Situation, wenn man das alles sieht und geschichten darüber hört. Breaking the Silence möchte Menschen näherbringen, was Besetzung wirklich meint, denn was das praktisch bedeutet, das wissen viele israelische Bürger nicht, obwohl es nicht weit von ihnen passiert.

Mit einem mulmigen gefühl im Bauch fahren wir allesamt zurück. Die Gedanken sind immernoch in Hebron.

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Mit dem Auto ins nördliche Westjordanland – Westbank Teil I.

Nachdem ich mich lange davor gedrückt habe, den Blogeintrag zu meinen Besuchen in der Westbank zu verfassen, hat mich mein Besuch in Ost-Jerusalem gestern dann doch endgültig dazu bewegt, mich an diesen Eintrag zu wagen.

Wahrscheinlich fragt sich der ein oder andere, was es daran so viel zu überlegen gibt, aber tatsächlich hängt an den besetzen Gebieten, den palästinensischen Territorien, der ganze Nahost-Konflikt, der Palästina-Israel-Konflikt, Israels Auseinandersetzungen mit den arabischen Staaten und der ganzen Welt, die Besetzung und die damit zusammenhängenden Menschenrechtverletzungen, die Identität zweier Völker und so vieles mehr.

Da der Gazastreifen und die Westbank trotzdem zwei völlig verschiedene Geschichten sind und ich nur die Westbank bereist habe, beschränke ich mich auf dieses Gebiet mit meinen Erzählungen.

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http://www.bpb.de/internationales/asien/israel/45164/karten

Ich finde es verdammt schwierig, sich dazu eine Meinung zu bilden, denn Tag für Tag kommen neue Aspekte hinzu, Geschichten und Erlebnisse, die die Sicht verändern. Ungefähr jeder in Israel hat eine Meinung dazu, in den Palästinensischen Gebieten vielleicht sogar noch mehr und ich selbst versuche zuzuhören, zu verstehen und daraus eine Meinung zu basteln, die im nächsten Moment schon wieder total „falsch“ erscheint.

Genau deswegen, weil dieser Konflikt so groß und emotional ist, möchte ich hier einfach nur eine Sicht schildern und Dinge, die ich gesehen habe, Geschichten, die ich gehört habe und Eindrücke – keine Garantie auf Vollständigkeit oder Richtigkeit!

Ich war während meines Semesters zwei Mal für ein Wochenende in der Westbank. Zusammen mit Freunden haben wir ein Auto gemietet und sind dann als erstes Anfang Dezember in den Norden gefahren – von Jerusalem nach Ramallah, Nablus, Jenin, ein Dorf namens Al-Aqabah, Qalqilya und dann über Ramallah wieder zurück. Unser zweiter Ausflug Ende Dezember ging auch von Jerusalem aus und brachte uns von dort nach Jericho, weiter nach Beit Sahour, nach Bethlehem und Hebron.

Außerdem war ich zwischen diesen beiden Ausflügen noch einmal in Hebron mit „Breaking the Silence“, eine israelische Organisation, die von ehemaligen SoldatInnen gegründet wurde, die ihren Armeedienst in den besetzten Gebieten abgeleistet haben und dann eben gestern noch in einem Ort in Ost-Jerusalem, Beit Hanina, welcher von israelischen Settlements umgeben ist.
Die Besetzung der Westbank durch Israel geht zurück auf den 6-Tage-Krieg 1967. Zuvor war das Gebiet unter jordanischer Kontrolle. Ursprünglich war von der UN-Vollversammlung 1947 ein Teilungsplan beschlossen, welcher das Gebiet einem zu gründenden arabischen Staat zusprach. Jedoch war schnell nach dem Krieg klar, dass Israel das eroberte Gebiet nicht einfach zurückgeben wollte, da die Ursprünge des Judentums sich unter anderem dort befinden. Weiterhin waren die arabischen Staaten mit den Bedingungen, unter denen sich Israel zurückziehen wollte, nicht einverstanden. Die ersten jüdischen Siedlungen im Gebiet der Westbank wurden zwischen 1968 und 1977 gebaut. Heute leben circa 300.000 Menschen in den Siedlungen und machen 17% der Bevölkerung des Gebiets aus. Die Ansiedlung dort wird steuerlich begünstigt und der Erwerb von Wohnungseigentum wird stark subventioniert.

Die Siedlungen gelten nach internationalem Recht als illegal und als wesentliches Hindernis für eine dauerhaften Lösung des Nahostkonflikts, was von der israelischen Regierung jedoch bestritten wird.

Das Gebiet steht seit 1967 unter israelischer Militärkontrolle. Dem Vertrag von Oslo zufolge werden seit 1993 Teile des Westjordanlands von der Palästinensische Autonomiebehörde (PNA) verwaltet. Die Westbank ist demnach in 3 Zonen eingeteilt: Area A ist unter palästinensischer Kontrolle, Area B wird von Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet und Area C unterliegt israelischer Kontrolle. Die Gebiete sind jeweils durch Checkpoints, Grenzkontrollen, abgegrenzt, die man anfahren muss, wenn man in eine der anderen Zonen möchte.

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Zonen A, B, C und israelische Siedlungen

Ost-Jerusalem wurde im Gegensatz zur Westbank 1967 von Israel annektiert.

Im Zuge der II. Intifada, dem Aufstand des palästinensischen Volkes gegen Israel von 2000 bis 2005 (der erste Aufstand wird von 1987 bis 1991 datiert), baut Israel seit 2003 „Sperranlagen“, eine 759 Kilometer lange Absperrung zwischen dem israelischen Kernland und dem Westjordanland. Ziel ist es, Anschläge aus dem Westjordanland abzuhalten.

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Die Palästinenser streben einen eigenen Staat an. Dem stimmt die israelische Regierung inzwischen im Grundsatz zu. Umstritten bleiben allerdings der Grenzverlauf, die jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten, der Status Jerusalems und das von den Palästinensern beanspruchte Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge.

Nach einem kleinen Überblick nun aber zu unserer ersten Reise: Zusammen mit 4 Freunden aus Beer-Sheva mache ich mich an einem Freitag auf nach Jerusalem. Von dort fahren wir vom Busbahnhof in Ost-Jerusalem mit einem Sherut nach Ramallah, wo uns unsere Couchsurferin abholt. Was mir als erstes in Ramallah ins Auge fällt: „Stars and Bucks“ – das Pendant zu Starbucks in der Westbank.

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Allgemein ist Ramallah irgendwie größer und wuchtiger, als ich es mir vorgestellt habe. Hier gibt es durchaus viele Bars und Clubs und ein „nightlife“. In der Wohnung unserer Couchsurferin Huda begrüßen uns ihr Mann und das 8 Monate alte Baby. Als ich am nächsten Morgen aufwache und aus dem Fenster schaue, zieht sich eine riesige Mauer durch mein Bild. Am Abend ist uns diese nicht aufgefallen, da es dunkel war, aber circa 100 Meter entfernt von Wohnhäusern wurde die Mauer aufgestellt, um Israel von der Westbank abzugrenzen. Palästinensischer Alltag.

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In Ramallah mieten wir uns ein Auto und los geht es gen Norden, der erste Halt soll Nablus sein, die größte Stadt im Westjordanland. Schnell wird klar, dass das Mieten eines Autos die richtige Entscheidung war: eine wunderschön naturbelassene Landschaft mit Olivenhainen und Feldern zeigt sich uns auf unserer Fahrt.

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Angekommen in Nablus ist unser erstes Ziel der Markt. Nablus war während der zweiten Intifada ein Feld der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelischem Militär. 1995 wurde die Stadt in die Hände der Palästinensischen Autonomiebehörde gegeben, welche sie nun verwaltet. In und um Nablus findet man außerdem Flüchtlingslager. Eines wollten wir uns ansehen – Tell Balata – welches innerhalb der Stadt liegt. Leider war es doch nicht so einfach zu finden, wie gedacht, doch mit ein paar Arabischkenntnissen und sehr hilfsbereiten Menschen kamen wir am Nachmittag an. Einer der Mitarbeitet des Kulturzentrums dort zeigt uns das „Lager“, welches mittlerweile einer Stadt gleicht. Er selbst ist dort aufgewachsen und erzählt uns, wie seine Eltern als erste hier ankamen und in Zelten gelebt haben und nach und nach Häuser errichtet wurde. Die meisten der Flüchtlinge kamen aus Yaffo und Haifa. In den Straßen hängen überall Poster mit jungen Palästinensern drauf, die Waffen in der Hand halten – sie alle sind tot, als Märtyrer gefeiert.

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Als wir den Friedhof betreten und hoch in die Hügel schauen, wird es mir kurz mulmig, als Ahmad erzählt, dass von dort israelische Soldaten während der Intifada auf Leute gezielt haben, um sie umzubringen, auf dem Friedhof.

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…if you are not willing to die for it, take the word freedom out of your vocabulary….

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Es wird dunkel und wir machen uns auf nach Jenin, einer Stadt, die auch als Hochburg des Widerstands während der Zweiten Intifada bekannt wurde. Auch hier ging die israelische Armee brutal vor. Auch hier wurde 1953 ein Flüchtlingslager eröffnet. Jenin ist vor allem auch als kulturelles Zentrum des Westjordanlandes bekannt. Außer dem „Cinéma Jenin“, das erste Kino in der Westbank welches während der Intifada geschlossen war, gibt es das Freedom Theatre und genau das wollten wir uns anschauen. Durch Zufall kannte unsere Bekanntschaft aus Nablus jemanden, der in dem Theater tätig ist. Das Theater war letztendlich kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte, aber sehr gemütlich. Nachdem wir unter der Nummer, die Ahmad uns gegeben hatte, niemanden erreichen, wollten wir schon fast wieder los, als unser Mann tatsächlich noch auftaucht: „Sorry, I was afraid of the israeli number…“

Er erzählt uns, dass während der Intifada das Theater zerstört und alle Schauspieler umgebracht wurden, außer einer, welcher sich als Selbstmordattentäter mit mehreren Menschen in Hadera in die Luft sprengte. Die meisten der Stücke, die aufgeführt werden, handeln von der Besatzung Israels und dem Widerstand gegen die militärische Kontrolle. Das Theater ist weltweit bekannt und hat eine Partnerschaft mit der Berliner Schaubühne, welche erst im September ein Gastspiel in Jenin hatte. Voraussichtlich kommen die Jeniner im nächsten September nach Berlin. In die Medien kam das Theater erst 2011, als im April der Direktor Juliano Mer-Khamis von einem maskierten Täter erschossen wurde. Er selbst war Israeli und Jude und setze sich gegen die Besatzung der West Bank ein.

Der junge Schauspieler, der uns über die Ereignisse und das Theater berichtet, gibt mir eine neue Perspektive auf die Menschen hier. Aufgewachsen im Flüchtlingslager, bezeichnet er sich selbst als Flüchtling, obwohl nur seine Eltern geflüvhtet sind. Ich habe das Gefühl, sein ganzes Leben ist bestimmt von dem Konflikt und das er sich selbst damit identifiziert. Wenn der Konflikt tatsächlich irgendwann gelöst wird, was passiert dann mit diesen Menschen? Können sie sich neu definieren? Oder bricht das, was sie ausmacht, weg? Eine Freundin hat gesagt, dass Institutionen umgeformt werden können, auch Theater und andere kulturelle Zentren, aber Menschen? Nach so langer Zeit, das wäre viel schwieriger…

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coffee on the road.

In der Dunkelheit machen wir uns auf Al-Aqabah zu suchen, ein 300-Seelen-Dorf im Nirgendwo, wo uns ein Couchsurfer beherbergen will. Natürlich ist uns nicht bewusst, dass es mehrere Al-Aqabahs gibt und wir landen prompt im Falschen – aber hier ist man nicht verloren! Es gibt auch im kleinsten Ort jemanden, der uns hilft. Also kommen wir nachts im Al-Aqabah Gueshouse bei unserem Couchsurfer, der dort als Freiwilliger in der Schule Englisch unterrichtet, an.

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Am nächsten Tag schaue ich auch hier aus dem Fenster  – bestes Wetter und schönster Ausblick! Al-Aqabah liegt in Area C, ist von Israel kontrolliert. Trotzdem hat das Dorf einen palästinensischen Bürgermeister, den wir auch kennenlernen. Leider können wir nicht wirklich rausbekommen, inwiefern mit der israelischen Verwaltung zusammengearbeitet wird, aber wohl eher nicht. Das Dorf hat mit einem ganz „normalen“ Area-C-Alltag zu kämpfen: Häuser werden zerstört, die Bewohner werden durch Lärm und Zerstörung der Infrastruktur und durch hohe Wasserpreise versucht zu überreden, in andere Gegenden zu ziehen…aber da, wo die Besatzung am meisten zu spüren ist, da sind die Einwohner am widerspenstigsten.

Wir treffen am Morgen den Bürgermeister in der Schule – er sitzt im Rollstuhl, weil er mit 16 fast bei einer Hausdurchsuchung erschossen wurde. Das war das allererste, was er uns erzählt hat. Das überrumpelt einen und man weiß nicht, was man sagen soll – auf sehr direkte Art und Weise versuchen die Leute ihre Situation darzustellen (Später zeigt er uns ein Video von einem Massaker, was in der Moschee Al-Aqabahs stattfand.) und am Ende bitten sie einen, ihre Geschichte weiterzutragen. Es gibt eben nicht viele Mittel nach außen zu tragen, was passiert und ihre Sicht zu präsentieren.

Am Ende zeigt sich mir dann noch eine sehr absurde Situation: Die Kinder im Kindergarten, der uns gezeigt wird, singen uns ein Lied. Als uns dieses übersetzt wird, und eröffnet, dass die Kinder am Ende sagen, dass die Israelis böse sind, ist auf einmal alles wieder so klar: Der Feind wird einem von Kind an eingebläut, auf palästinensischer und israelischer Seite – weiter geht es in der Schule und dann? Hat man dann noch eine wirkliche Chance, diese Gedanken zu hinterfragen oder Gegenbeispiele zuzulassen? Israelis sowie Palästinenser sind in ihre Rolle eingebettet, so sehr, dass man den anderen nicht einmal mehr hören oder sehen kann.

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Zum Abschluss unserer Reise fahren wir über Qalqilya, wo wir uns den einzigen Zoo in der Westbank anschauen. Tatsächlich ist es ein Zoo, wie man ihn erwartet: mit Löwen, Bären und Leoparden, nur etwas kleiner. Von dort geht es zurück nach Ramallah und dann weiter mit dem Bus nach Jerusalem. Am Checkpoint müssen wir den Bus wechseln und werden vorher kontrolliert. Als wir den Bus verlassen, werden wir gefragt, ob wir über 45 Jahre alt sind…den Grund für diese Frage hätte ich gern erfahren! Durch die Autos hindurch bahnen wir uns den Weg zum Checkpoint-Übergang. Die Autos werden alle kontrolliert, manche Leute müssen Papiere vorzeigen. Durch einen dunklen Gang kommen wir zu einer Art Käfig: schmale Gänge, getrennt einzig durch Gitterstäbe, führen zum Kontrollpunkt. Ampeln fordern einen auf, vortreten. Gepäckkontrolle. Reisepass. Visum. Hinter der Glasscheibe sitzen ein Junge und ein Mädchen in Armeekleidung, ich wette nicht älter als ich und entscheiden, ob man einreisen darf. Das grüne Licht erscheint und ich bin zurück in Israel.

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Als ich den Checkpoint verlasse, denke ich daran, was Huda, unsere Couchsurferin aus Ramallah, erzählt hat: Ihr Mann muss jeden Tag nach Israel zur Arbeit. Um 4:30 steht man an, genau an diesem Checkpoint, nur das jeder, der dann dort ist, zur Arbeit muss oder in die Uni und angespannt ist, denn nicht immer wird man erscheint das grüne Licht. Palästinensischer Alltag.

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Zwischen Normalität und Absurdistan.

Seit meinem letzten Eintrag ist sehr viel passiert. Wahrscheinlich so viel, dass ich es nicht geschafft habe, es hier auch nur ansatzweise festzuhalten.

2 Westbank-Roadtrips, die Weihnachtszeit, mein Semesterende und die Prüfungszeit, ein Sack voller Abschiede, ein Umzug und die Jahreswende liegen hinter mir. Aber Beer Sheva bleibt der Fels in der Brandung, wo ich mich immernoch aufhalte und grade ein paar richtig ruhige Tage verlebe mit Bibliothek, Wohnung und Mitbewohnern und viel Sonne, und ansonsten nicht so viel. Und ich genieße es in vollen Zügen!

Nach einer enttäuschenden Weihnachtszeit (dabei muss ich im Nachinein erwähnen, dass das wohl allein an mir liegt, ich hatte wohl zu große -was auch immer für welche – Erwartungen.), einem dafür umso schöneren Weihnachtsabend, 2 stressigen Prüfungswochen und dem Semesterende für die internationalen Studenten am 27.12., bin ich am 31.12. aus dem Wohnheim ausgezogen. Es ist erstaunlich, wie viel man in 4 Monaten so anhäufen kann – nach einem Rucksack und einem Koffer, mit denen ich angereist bin, habe ich jetzt noch 5 weitere Kisten mit viel Kram, der aber nicht in den Papierkorb gehört.

Jetzt bin ich noch circa eine Woche in Beer Sheva und in die WG einer Freundin eingezogen, die grad in der Türkei ist.

3/4 der internationalen Studenten sind abgereist und eigentlich fühlt es sich ein bisschen so an, als ob ich auch abgereist bin. Abgereist in ein anderes Lebensgefühl. So richtig bewusst geworden ist mir das, als ich morgens aufgewacht bin in der neuen Wohnung und aus dem Fenster gucke und mir dabei das erste Mal so richtig bewusst war, dass ich im Nahen Osten bin. Einfach weil dieser Blick aus dem Fesnter über die hellen quadratischen Häuser mit flachem Dach und rein in die Wüste das so offensichtlich gemacht haben.

Und das Gute ist, dass trotzdem noch alles vertraut ist: die Katzen die dich aus jeder Ecke anschauen und aus dem Müllcontainer herausspringen, wenn man den Müllsack fallen lässt, der Truthahn auf dem Unigelände, der seinen Spaß hat und von einem Kater beschützt wird vor hungrigen Katzen, das Vorzeigen des Ausweises und die Kontrolle deiner Sachen, wenn du die Uni betrittst oder die Bibliothek, das Stillstehen der Stadt an Shabbat, die mürrischen Busfahrer, die dich schon mal ganz gerne übers Ohr hauen, das Abwasser, was nach dem Putzen auf den Straßen landet und du versuchst zu umgehen, und natürlich die Leute, die dir das Gefühl geben, dass du eben doch schon einige Zeit hier bist. Und so viel mehr.

Und trotzdem gibt es immer wieder so Dinge, die mich begeistern und zwar völlig ohne Vorwarnung.

Vorgestern bin ich mit ein paar Freunden ans Tote Meer gefahren, zu heißen Quellen, welche sich dort befinden. Wir haben Badesachen und Essen mitgenommen und um 8 Uhr abends gings los. 1,5 h später waren wir irgendwo im stockdusteren Nirgendwo, zwischen Bergen und dem Toten Meer. Es war gar nicht so kalt – am Toten Meer ist es immer noch ganz angenehm, auch in einer Januarnacht. Und die heißen Quellen waren tatsächlich sehr angenehm warm. Und man konnte einfach nur im Wasser liegen, sich den Mond und den sternenklaren Himmel anschauen und auch mal schnell ins Tote Meer springen – und das alles einfach so, wenn man sich spontan entschließt mal aus Beer Shevas rauszukommen. Verrückt! In diesem Land gibt es so viele verschiedene Plätze, die einfach riiiesig großartig sind und wo einem schon mal der Atem kurz stecken bleibt, ich bin immer wieder so begeistert!

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Und danach gab es dann noch mein israelisches Liebligsessen. Es ist wahrscheinlich nicht wirklich israelisch oder kommt zumindest aus Osteuropa, aber weil ich es erst hier so entdeckt habe, ist es für mich an diesen Ort gepinnt. Grob gesagt ist das ein Pott, den man aufs Feuer stellt und dann pfeffert man Reis, Gemüse und Gewürze rein, und auch was fleischiges, wenn man will. Meist auch noch Honig oder auch Cola, wie ich es jetzt das erste Mal gesehen habe, dann wird es etwas süßlich. Dann köchelt das ein wenig und dann hat man einfach ein seeehr leckeres Reisgericht, was fürs Campen genau das Richtige ist!!!

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In der Mitte sieht man den Poike Topf:)

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Chanukka Sameach – Happy Chanukka!

Es ist soweit – während in Deutschland alle fleißig in den Weihnachtsvorbereitungen stecken und die Läden mit Lebkuchen, Weihnachtsmännern und Spekulatius zugepackt sind, sind wir in Israel mittendrin im Fest.

Das Chanukka-Fest (übersetzt Einweihung) dauert 8 Tage lang und geht auf historische Ereignisse zurück.

Es wird der Zeit gedacht, in der Israel unter der schrecklichen Herrschaft der Griechen leiden musste. Ständig neue Gebote und Gesetze machten den Juden das Leben schwer, verboten ihnen sogar, ihre Religion weiter auszuüben. Aber einige Frauen und Männer wehrten sich gegen diese Gesetze. Unter der Führung des Judas Makkabäus und seiner vier Brüder besiegten sie die griechische Syrerdynastie der Seleukiden 165 v. Chr. im sogenannten Makkabäeraufstand. Ein Jahr später wurde auch der von den fremden Herren missbrauchte Tempel gereinigt, von den griechischen Götzen befreit und schließlich neu geweiht. Chanukka erinnert also an die Wiedereinweihung(siehe Bedeutung des Wortes) des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 (164 v. Chr.). Damals war jedoch nur noch eine winzige Menge geweihtes Öl übrig, das gerade gereicht hätte, den Tempel einen Tag lang zu erleuchten. Aber zur großen Verwunderung brannte das Licht 8 Tage lang. Diese Geschichte ist im Ersten Buch der Makkabäer und auch im Talmud überliefert.

Dieses Jahr ist Chanukka vom 09.-16.12. Am 09. hatten wir zwar keinen Unterricht an der Uni, aber es war kein Feiertag, sondern wurde für den Universitäts-Einstufungstest genutzt. Chanukka hat keine offiziellen Feiertage. Lediglich abends sitzt man zusammen, zündet den Chanukkia (er hat genau 8 Kerzenhalter, die symbolisch für diese 8 Tage, die das Licht im Tempel brannte, stehen), singt Lieder und spielt beispielsweise das Dreidelspiel. Die Kinder bekommen jeden Tag Geschenke und es gibt natürlich auch ein typisches Gebäck: die Sufganiot (Pfannkuchen, Donuts, Berliner…wie auch immer man sie nennen möchte…).

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Ich weiß nicht, ob das generell so ist, aber hier in Beer Sheva bekommt man die ganzen Tage die Sufganiot umsonst: Im Student Center, bei Veranstaltungen, von den Nachbarn und Freunden, heute zum Beispiel auch bei einer Chanukka-Party – verhungern kann man hier nicht! Im Aufgang meines Gebäudes steht jeden Abend ein Chanukkia, das ist irgendwie nett und erinnern dann doch ein bisschen an Weihnachten…

Chanukka ist definitiv nicht so wichtig und groß, wie das beispielsweise in Deutschland mit Weihnachten ist – es gibt einfach „wichtigere“ Feiertage in Israel. Wenn man nicht religiös ist, ist es auch nicht selten, dass Chanukka einfach nicht gefeiert wird, wenn man kein Kind mehr ist.

Mittlerweile passt das Wetter in Beer Sheva zumindest nachdem die Sonne untergegangen ist auch ganz gut zum Dezember – es gab ein paar Regentage und Sandstürme und nachts sind es immerhin mittlerweile 10°C. Trotzdem braucht man an manchen Tagen immernoch die Sonnenbrille und keine warme Jacke.

Israel ist wahrscheinlich das einzige Land, wo Weihnachten tatsächlich keine Rolle spielt und es schwierig ist, einen Schokoweihnachtsmann zu finden – aber so ganz vergessen ist es nicht. In Beer Sheva leben relativ viele Russen – also gibt es auch hier Weihnachtsshops, nur in der kitschigen Variante…Nach einem Bummel durch die Altstadt hatten wir aber tatsächlich Schokoweihnachtsmänner, einen Baum (der fast echt ist…) und Wunderkerzen. Das ist nämlich auch etwas kurios: Weihnachten und Silvester wird hier zusammengepackt! Und neben dem Weihnachtsmann steht die Silvesterrakete!

Ein bisschen mehr weihnachtlich könnte es nach meinem Geschmack schon sein, aber ich denke ein Jahr komme ich ohne aus. Es gibt ja noch die Sufganiot an Chanukka.

Und was machen Austauschstudenten in Israel an den Feiertagen? Auf jeden Fall erstmal erbarmungslos Prüfungen schreiben und im Hausarbeitenstress sein – und dann aber vielleicht einen Ausflug nach Betlehem oder Jerusalem – das versöhnt das ganze bestimmt!

Also – trinkt alle schön Glühwein und esst guten Stollen – ich bleibe bei den Pfannkuchen!

Eure Franzi.

Ein Chanukkasong, heute in Hebräisch gesungen:

und was … Witziges:

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Und schon ist alles vorbei. Zumindest bis zum nächsten Mal.

Beer-Sheva ist so ruhig.

Heute hat es geregnet, so ein nichts-mach-Tag, aber seit einer Woche liegt das Paper für meinen Kurs zu Umweltproblemen im Nahen Osten ungeschrieben auf meinem Schreibtisch. Eigentlich liegt es nicht die ganze Zeit auf meinem Schreibtisch, es war mit am Toten Meer, in Jerusalem, in Tel-Aviv und jetzt sind wir Mittwoch Abend wieder zurückgekommen, nachdem kurz nach 12 Uhr mittags in Tel-Aviv ein Bus explodiert ist in der Innenstadt.

„Leave Tel-Aviv as soon as possible. And stay out of crowded places. And don’t use public transportation if possible!“ Das war alles, was die Leiterin unseres Uni-Programms gesagt hat, als ich sie eigentlich wegen etwas ganz anderem angerufen hatte. Und da ist es wieder, dieses flaue Gefühl im Magen. Man taumelt irgendwie gefühlt so rum und kann nicht grade stehen.

Also verlassen wir Tel-Aviv, fahren mit dem nächsten Bus und wissen nicht genau, was das zu bedeuten hat. Und wohin? Ab nach Beer Sheva. Verrückt, auf einmal fahren wir zurück nach Beer-Sheva, weil wir dort sicherer sind. Da, wo wir vor einer Woche einfach nur noch raus wollten, um den Raketenalarms zu entkommen. Aber der Unterschied ist einfach, dass du hier Zeit hast, dich in Sicherheit zu bringen, der Iron Dome die meisten Raketen zerstört und man nicht wirklich körperlich in Gefahr ist. Selbstmordattentäter sind was anderes.

Ich ertappe mich auf dem Weg zur Central Bus Station dabei, wie ich mir alle Leute angucke. Eigentlich ist das ziemlich dämlich, wer sieht schon aus wie ein potenzieller Bombenzünder oder verhält sich wie einer, und trotzdem. Im Bus geht das ganze weiter.

Komischerweise gibt es Stau auf dem Weg nach Ashdod, ein Ort am Meer, südlich von Tel-Aviv. Wer will denn jetzt in den Süden? „Ha, jetzt flüchten wohl alle aus Tel-Aviv!“
Ehrlich gesagt hatte ich schon länger überlegt, zurück nach Beer-Sheva zu fahren. Nicht nur, weil mein Vorrat an Klamotten sich dem Ende zuneigte, ich wollte glaube ich einfach zurück in den Normalzustand. Und ich wollte was tun und nicht mehr warten, bis sich irgendjemand entscheidet, das Ganze zu beenden. Der erste Waffenstillstand kam nicht zustande. Israel hat die Bedingungen nicht akzeptiert. Um Mitternacht, am Dienstag, als das Ceasefire in Kraft treten sollte, saßen wir an unseren Laptops und haben gespannt darauf gewartet, ob es tatsächlich Ruhe gibt. Aber nein, es sollte nicht sein. Die Raketen flogen weiter. Und am nächsten Tag der Bus.

Am Mittwoch-Abend kommen wir also wieder an in der Wüste. Beeilen uns, nach Hause zu kommen und nicht mitten in einen Alarm auf offener Straße. Währenddem wir kochen und essen, gibt es drei „zewa adoms“ (so werden die Alarms genannt). Im Bunker sind außer uns noch 5 andere Leute. Letzten Mittwoch waren es noch 50, und das waren schon wenige. Das Wohnheim ist ausgestorben.

Die nächste Hoffnung: ein neuer Waffenstillstand für 9 Uhr abends ist geplant. Die israelische Regierung steht dem positiv gegenüber, es gibt eine offizielle Pressemitteilung. Ein israelischer Mitstudent, den wir aufgegabelt haben im Wohnheim und der mit uns isst, liest aus seiner Torah vor, kurz vor 9. Um 20:59 Uhr der letzte Alarm, nochmal wurden 5 Raketen auf die Stadt gefeuert.

Seit dem ist Ruhe. Kein einziger Alarm seit mehr als 48 Stunden. Verrückt. Auf einmal ist es einfach ruhig. Gestern morgen haben wir dann auch die Nachricht bekommen, dass die Uni am Sonntag normal weitergeht. Die Stadt wird langsam voller und am Abend sieht man viele Leute auf der Straße. Das ist ein ganz komisches Glücksgefühl, das man nicht aufhalten kann.

Diese neue Situation, von einem Tag auf den anderen, haben wir mit gutem Arak begossen (die israelische Version von Raki). Im Azhan Hazman, der schönsten Bar hier, tanzen wir und genießen die neue alte Situation.

So richtig realisiert, wie schnell die Verhältnisse sich um 180° gedreht haben, habe ich erst, als ein Freund mir erzählt hat, dass er vor einem Hiking-Trip von dem Attentat in Tel-Aviv gehört hat und als er zurückkam, war alles vorbei.

Die meisten Leute haben damit gerechnet, dass Israel nach dieser Aktion die Soldaten, die seit mehreren Tagen am Gazastreifen auf ihren Einsatz warten, entgültig reinschickt. So richtig traue ich dem „Frieden“ auch noch nicht. Es erscheint mir so sinnlos, dass die Stimmung am Anfang so aggresiv war und ein ganz klares Zeichen von der Regierung kam und auf einmal wird das alles zurückgefahren. Wirklich durchblicken kann man da nicht, aber ich habe das Gefühl, dass der internationale Druck doch größer war, als Netanjahu sich das ausgemalt hat.

Wer weiß das schon. Beer Sheva füllt sich weiter, Läden machen wieder auf, aus meinem Zimmer höre ich wieder den vertrauten Bass aus dem „Einstein“, dem Studentenclub.

Und obwohl sich alles anfühlt, als wäre nichts geschehen und man weitermacht, da wo man vor einer Woche aufgehört hat, ist es so frustrierend zu wissen, dass das nicht das Ende war, sondern nur ein weiterer Schritt in der Geschichte. Meine Mitbewohnerin, die seit Freitag in Beer Sheva bei den Reservisten arbeiten musste, sagt als allererstes: „I am so frustrated they didn’t finish this. They should have cleared out all the Hamas as promised!“

Und boom. Da bin ich wieder in der israelischen Realität, rausgerissen aus meiner Freude, dass die Waffenruhe zustande gekommen ist. Israelis, die ihr Leben hier verbringen, wissen, dass es weitergeht und spätestens in einem Jahr alles von vorne los. Und es ist kein Ende in Sicht. Und da frage ich mich immer wieder, was macht das mit den Menschen, wenn das deine Realität ist. Wenn das deine Zukunft ist.

Naja, all diese Fragen sind unbeantwortet. Aber Beer Sheva ist auf jeden Fall erstmal ruhig.

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Und auf einmal ist man mittendrin.

Bevor ich nach Israel geflogen bin, stand der Iran-Krieg zur Debatte. Ich habe mir versucht, vorzustellen, was das heißt und was da passieren könnte und was ich dann mache.

Jetzt droht ein neuer Gazakrieg. Die letzten 5 Tage kommen mir vor wie Wochen und es ist so viel passiert. Am Mittwoch tötet Israel den Militärchef der Hamas, Ahmad al-Jabari. Innerhalb von zwei Stunden strömen die Studenten aus Beer-Sheva zu ihren Familien, der Busbahnhof ist überfüllt, Leute stehen in einer mehrere hundert Meter langen Schlange am Zug an, die Rager Street, die Hauptstraße, die aus Beer-Sheva raus gen Norden führt, ist verstopft mit Autos. Studenten stehen an der Seite und versuchen zu trampen.

Da ist was zu erwarten, ja. Und es kommt. Von 20 Uhr Abends bis 10 Uhr morgens gibt es, nur in Beer-Sheva, was schon relativ weit weg ist vom Gazastreifen (in Bezug auf die Reichweite der Raketen), 15 Alarms und über zwanzig Raketen, die auf die Stadt abgeschossen werden. Wir schlafen im Bunker, einfach weil wir in der Nacht nicht immer aufstehen wollen und niemand allein sein will. Man schläft ein, wacht auf vom Alarm, bekommt es irgendwann nur noch halb mit, weil man einfach zu müde ist und schläft wieder ein.

60 Sekunden hast du, um in einen Bunker zu rennen, oder dir irgendwo Sicherheit zu suchen. 60 Sekunden Alarm, dann wartet jeder auf den Einschlag der Bomben, hoffentlich ganz weit weg. Wenn die Bombe nicht einschlägt, dann hört man laute Knalls, die Iron Domes, die die Raketen in der Luft abschießen – circa 90% von ihnen.

Am nächsten Tag fahren alle internationalen Studenten zusammen nach Mez’ada, die Festung, welche am Toten Meer liegt. Sicheres Terrain. Alle sind kaputt, mit wenig Schlaf, und jedes lautere Geräusch bringt kurz das flaue Gefühl im Magen zurück. Und es geht einfach nicht weg.

Ich frage mich, wie Menschen in Netivot oder Sderot, näher am Gazastreifen und mit ganz anderen Zahlen an Raketen und weniger Zeit, in einen Bunker zu rennen, das erleben und vor allem dort ihr Leben verbringen. Und noch viel mehr frage ich mich, wie es der Bevölkerung in Gaza geht, die ohne jede Chance allem ausgeliefert ist, was passiert.

Die Regierungen fällen die Entscheidungen, und entscheiden für 1000de von Menschen und gefragt wird keiner. Und klarkommen muss jeder allein damit. Da ist keine Regierung, wenn man den Einschlag von Raketen hört oder um sein Leben rennt. Auf beiden Seiten.
Am Toten Meer anzukommen zeigt, wie absurd alles ist und lässt mich realisieren, was los ist. Am Toten Meer gehen die Touristen baden, laufen im Bikini rum und sonnen sich. Man denkt kurz darüber nach, ob das alles wirklich passiert ist. Und dann macht man den Laptop an und schaut nur einmal kurz auf Facebook vorbei und da steht alles, dass Israel sich das nicht mehr gefallen lassen will, dass sich beide Seiten vorwerfen, dass der andere angefangen hat…und jedes Mal, wenn man den Laptop aufmacht, hofft man, dass es besser wird, gute Nachrichten kommen, aber irgendwie scheint es mit jedem aufklappen nur schlimmer zu werden.
Mit zwei Freunden fahre ich am Donnerstag von Mez’ada, wo wir um 5.30 Uhr früh den Sonnenaufgang bestaunt haben, nach Jerusalem, der mittlerweile der sicherste Ort in Israel ist, einfach weil so viele verschiedene Religionen und Kulturen hier zusammen leben.

Und trotzdem kam auch hier eine Rakete an, am Freitag. Und auch in Tel-Aviv sind mittlerweile vier gefallen. Damit hätte bis Donnerstag Abend niemand gerechnet. Seit dem Golfkrieg gab es keine Raketen mehr in Zentral-Israel.

„We’ve got a surprise for you“ – so kündigt die Hamas ihre Raketen an, die auf die größten Städte des Landes abgefeuert werden.

Die Rakete auf Jerusalem gerichtet kam in der Nähe eines palästinensischen Dorfes runter…irgendwie paradox.

Israel hat Donnerstag 15.000 Rekruten in den Süden gerufen, Freitag 30.000 und Samstag kam das OK für 75.000. Beim Gazakrieg 2008 waren es lediglich circa 17.000. Wo führt das alles hin und was hat das zu bedeuten? Das fragen wir uns die ganze Zeit. Man steht die ganze Zeit unter so einer Spannung, mit neuen Nachrichten und Geräuschen geht der Puls hoch.

Abgesehen von all den schlechten Nachrichten gibt es aber auch eine Menge schöne Sachen, die man beobachten kann. Es gibt Gruppen und Internetseiten, wo Leute aus dem Norden Schlafplätze anbieten für Leute aus dem Süden. Man rückt zusammen und kümmert sich umeinander und egal, ob man die Menschen kennt oder nicht oder nur flüchtig, man sorgt sich umeinander, versucht zu helfen und sich gegenseitig aufzubauen. Ein paar Studenten sind in Beer Sheva geblieben undkümmern sich um alte Leute und Familien mit Kindern, die Hilfe brauchen. Man hat das Gefühl, man ist nicht allein, und das ist das wichtigste in diesen Tagen.

Was mich am Anfang irritiert hat, ist, dass Israelis mit dieser Situation so normal umgehen und so positiv sind.

Ein Bekannter von mir, der in Tel-Aviv wohnt, hat zum Beispiel Folgendes gesagt, nachdem ich ihn gefragt habe, wie es ihm geht:

„Its so funny, it is the first time since the 90’s that rockets hit Tel-Aviv. i feel vintage…“

Das hört sich sehr sehr komisch und unpassend in dem Kontext an, aber wahrscheinlich ist es die einzige Möglichkeit, damit umzugehen über die Jahre. Ich habe mich immer gefragt, warum Israelis immer so positiv sind und immer ein Lächeln auf dem Gesicht haben. Jetzt verstehe ich das. Natürlich merkt man auch, dass die Anspannung da ist. Und wenn der Mitbewohner meiner Freundin einen Brief von der Armee öffnet und im nächsten Moment die Gesichtszüge sich in ein erleichtertes Lächeln umwandeln, weil es nicht der Call nach Gaza ist, dann hat man eine Ahnung davon, dass es innendrin in den Menschen, die so alt sind wie ich, auch nicht viel anders aussieht.

Und wie geht es jetzt weiter? Das weiß keiner. Die Raketenbeschüsse gehen auf beiden Seiten weiter. Israel hat bereits das Stadion in Gaza beschossen, um Raketenlager zu zerstören, auch Regierungsgebäude waren im Fokus. 50 Palästinenser sind bereits gestorben. Gaza beschießt weiter Orte in der Wüste und auch in Tel-Aviv gab es gestern wieder zwei Raketenalarms. Tote gab es bisher aber nicht.

Vor allem Ägypten versucht, zwischen den Parteien zu verhandeln, sodass ein Waffenstillstand erreicht werden kann, aber nachdem die Beschüsse weitergehen, sieht es nicht wirklich danach aus.

Andererseits habe ich auch in einem Artikel gelesen, dass an einem Waffenstillstand gearbeitet wird und 90% akzeptiert sind, von beiden Seiten. Es ist schwierig herauszufiltern, was richtig ist und was nicht. Stündllich gibt es Neuigkeiten, die alles verändern können.

Heute fahren wir nun nach Tel-Aviv. Morgen gibt es da eine Demonstration gegen den Krieg in Gaza. Es macht einen verrückt, nichts tun zu können…auf einmal bin ich mittendrin in diesem Konflikt. Und ich habe das Gefühl, erst jetzt wirklich zu verstehen, was hier passiert und warum das alles und woher das kommt…
Ich möchte euch alle dazu aufrufen, so vielen Leuten wie möglich davon zu erzählen, was hier passiert und es weiterzutragen. Sagt eure Meinung und unterstützt Aktionen gegen den Krieg. Alles, was wir uns hier wünschen ist, dass es aufhört und wir zurück können in unser Leben vor Mittwoch. Und ich denke, Menschen in Gaza geht es nicht anders.

http://www.haaretz.com/

http://www.ynetnews.com/home/0,7340,L-3083,00.html

http://www.jpost.com/

http://www.aljazeera.com/

 

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Aufatmen. Tel-Aviv.

Tel-Aviv ist irgendwie alles auf einmal und trotzdem genau so, wie es alle sagen: anders. Anders als alles drum rum. Anders als Jerusalem, so anders. Und anders als alles andere in diesem kleinen Land. Tel-Aviv ist die Blase, in der man aufgehen kann, egal wer man ist, wie man ist und was man denkt und fühlt. Und Tel-Aviv ist eigentlich nicht groß.

Zusammen mit zwei Freunden aus Deutschland, die eine Woche in Israel umhergereist sind, brechen wir am Donnerstag auf von Beer-Sheva. Und dann kommt man an und weiß nicht gleich, wo man ist und es gibt mindestens 5 verschiedene Möglichkeiten, wie man wo ankommen kann. Gefühlt Berlin!

Unser erster Weg ging in den Süden, in die Nähe der Allenby Street, wo unser Couchsurfer wohnte, bei dem wir 3 Tage lang umsonst wohnen dürfen. Direkt am Carmel Markt gelegen, dem großen Lebensmittelmarkt in der größten Stadt Israels (und das mit 400.000 Einwohnern), 5 Minuten weg vom Meer und auch relativ mittig zwischen Yaffa und dem nördlichen Teil Tel-Avivs (Tel-Aviv wurde 1909 gegründet und war ursprünglich ein Vorort der bereits seit der Antike bestehenden Hafenstadt Jaffa, 1950 wurden beide Städte zum heutigen Tel Aviv-Jaffa vereint). Mit dem Couchsurfer hatten wir richtig Glück, haben Donnerstagnacht auf dem Dach das Gewitter heranziehen sehen und den Ausblick genossen und ein ganzes Wohnzimmer voller Couchen für uns gehabt!

 

Und was macht man in Tel-Aviv. Eigentlich kann man alles machen. Ein bisschen Strand. Ein bisschen Zeit auf dem Flohmarkt in Yaffa. Ein bisschen Museum of Art. Ein bisschen auch einkaufen. Ein bisschen in Cafes rumhängen und verschnaufen und ganz viel laufen und sehen!

Ab Freitag ist das Wetter in Israel komplett umgeschlagen und es hat viel geregnet, nicht nur in Tel Aviv, weswegen wir uns dem anpassen mussten. Unser erster Halt war der Flohmarkt in Yaffa. Yaffa hat einfach die schönsten Straßen. Der Flohmarkt birgt von Designer-Lädenund niedlichen Cafés über enge Touri-Schals-Schmuck-und-was-ein-Tourist-sonst-gerne-mag-Gänge bis zu zugemüllten Schrottläden alles – herrlich! Durch die Shenkin Street, eine wirklich schön anzusehende Straße mit kleinen Lädchen, haben wir ein paar Bauhaushäuser angeschaut und sind am Ende in einem Imbiss geladen, wo ich mein erstes nicht leckeres und viel zu teures Essen erleben durfte. Das mit dem teuer ist nicht so neu, aber das mit dem über den Tisch ziehen, und zwar ohne Skrupel und das mit nicht gut schmeckend auch. Naja – versöhnt wurden wir mit Sonne und Meer – das fast wärmer war als Tel-Avivs Außentemperatur! Durch den vielen Wind waren super viele Surfer unterwegs und wir mussten mit den Wellen kämpfen!

Flohmarkt in Yaffa

Nani und Mie – die mir ein bisschen Zuhause-Gefühl mitgebracht haben

 

Unser Abend fing an mit einem richtig guten Essen, was wir selbst gemacht haben;) und ging weiter mit einem „Abendschlaf“ und endete, nach guter Musik im Breakfast Club, im Fastfood-Laden, wo es Bratwurst mit Sauerkraut gab – wie guuut das war!

Samstag ging es zur kostenlosen Bauhaus-Tour, welche dementsprechend bevölkert war. Tel-Aviv wird auch die „weiße Stadt“ genannt, denn es gibt hier mehr als 4.000 Gebäude, die überwiegend im Bauhaus-Stil von deutschstämmigen jüdischen Architekten nach der Machtergreifung Hitlers, als viele ausgewandert sind, errichtet wurden. Seit 2003 gehört die Weiße Stadt von Tel Aviv zum UNESCO-Weltkulturerbe.

  

Die Tour war interessant, man musste nur wirklich gute Ohren haben, um alles zu verstehen oder aber ein bisschen „Israeli“ sein und die Ellenbogen ausstrecken. Nach einer langen Nacht und wenig Schlaf, haben wir dann noch die letzten Sonnenstrahlen mitgenommen und richtig fett gegessen – in einem Frühstücksladen. Da habe ich das erste Mal Shakshuka gegessen, eine Pfanne mit irgendwie allem möglichen drin, aber vor allem Tomatensoße und Ei, ein typisches Israelisches Frühstück.

Okay, und damit war es nicht genug. Tel-Aviv ist seit Samstag Abend für mich geprägt durch die „New Central Bus Station“. Wer das Buch „Wo samstags immer Sonntag ist“ gelesen hat, weiß, wovon ich rede, aber dieser Busbahnhof ist echt 1. überhaupt nicht neu, 2. ein Labyrinth der besonderen Sorte und 3. so gar nicht Tel-Avivig. Als ich ankam, mein Bus in 5 Minuten fahren sollte und ich vor 10 Schildern mit Pfeilen und Bus und Floors und allem Möglichen drauf stand, da wurde mir kurz schlecht. Dann bin ich einfach hochgefahren, so hoch, wie es ging – und nach ein paar Fragen stand ich tatsächlich vor meinem Bus. Aber dieser Bahnhof – der ist auf jeden Fall so richtig „local“. Und man fühlt sich kurz wie der König von Tel-Aviv, wenn man vor seinem Bus steht!

Abgesehen mal davon, ist diese Stadt so entspannt und hat so viel Freiraum und Leben. Wenn ich daran denke, dass Jerusalem eine Busstunde entfernt liegt, dann ist das gar nicht zu glauben…

Und immer wieder: dieses verdammt kleine Land, dass sooo viel bietet und so unterschiedliche Gesichter hat und das man liebt und hasst und aus dem man wahrscheinlich nie ganz schlau wird.

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